Filmgeschichte
Tschechisches Kino: Warum auch die Geschichte der Tschechoslowakei zählt
Die Geschichte des tschechischen Films beginnt nicht mit der Tschechischen Republik: Frühe Meilensteine und die Neue Welle gehören zu einer gemeinsamen tschechoslowakischen Entwicklung, während die heutige Produktion in einem anderen institutionellen Rahmen steht.
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Wer sich im Kino der Tschechischen Republik orientieren möchte, sollte zunächst einen historischen Unterschied beachten: Das heutige tschechische Kino und die Filme aus der Zeit, als das Land Teil der Tschechoslowakei war, sind keine austauschbaren Kategorien. Diese Kontinuität ermöglicht es, Werke und Bewegungen über politische Umbrüche hinweg zu verfolgen. Sie rechtfertigt jedoch nicht, allen Produktionen vor 1993 rückwirkend die tschechische Staatszugehörigkeit zuzuschreiben. Außerdem gilt es, die Filmproduktion eines Landes von Dreharbeiten auf seinem Gebiet zu unterscheiden: Tschechische Studios, Filmschaffende und Drehorte können internationale Produktionen anziehen, machen sie aber nicht automatisch zu tschechischen Filmen.
Eine nationale Filmgeschichte mit gemeinsamer Vergangenheit
Die ersten Lumière-Vorführungen fanden 1895 in Prag statt; 1898 drehte Jan Kříženecký kurze Aktualitätenfilme. Eine regelmäßige Produktion entwickelte sich ab 1910. Die Verfilmung der Oper Die verkaufte Braut von Max Urban aus dem Jahr 1913 gilt als einer ihrer frühen Meilensteine. Diese Anfänge gehören jedoch nicht zu einem unabhängigen tschechischen Staat: Die Tschechoslowakei entstand 1918, und die Tschechische Republik war bis 1993 Teil von ihr. Bei Filmen aus diesen Jahrzehnten ist „tschechoslowakisch“ daher oft die historisch genauere Einordnung. „Tschechisches Kino“ kann zugleich eine weiter gefasste kulturelle Tradition bezeichnen – solange die unterschiedlichen Bezugsrahmen nicht miteinander verwechselt werden.Vor der Neuen Welle: Studios, Filmindustrie und Unterhaltungskino
In den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg festigte sich eine Produktion, die kommerzielle Aktivität mit künstlerischem Anspruch verband. Bis zum Ende der 1930er-Jahre waren rund vierzig Spielfilme entstanden; die Prager Barrandov-Studios gehörten zu den fortschrittlichsten Europas. Regisseur Martin Frič war eine produktive Größe des Unterhaltungskinos. Auf einem anderen Gebiet erlangte Gustav Machatý mit Erotikon (1929) und Ekstase (1933) internationale Anerkennung. Dieser Überblick verhindert, die Filmgeschichte auf eine einzige Strömung zu reduzieren: Schon vor der Neuen Welle bestanden eine Studiobranche und Filme nebeneinander, die nach anderen Formen und einem anderen Publikum suchten.Die Neue Welle: eine Bewegung im Zeichen der Liberalisierung der Tschechoslowakei
Die tschechoslowakische Neue Welle stand in Verbindung mit der politischen und kulturellen Liberalisierung der 1960er-Jahre, die im Prager Frühling von 1968 gipfelte. In der Mitte des Jahrzehnts entstanden rund sechzig Filme, die oft mit schwarzem Humor und Absurdität verbunden werden; einige setzten junge Laiendarsteller und improvisierte Dialoge ein. Filme wie Die Liebe einer Blondine (Miloš Forman, 1965), Liebe nach Fahrplan (Jiří Menzel, 1966) und Tausendschönchen (Věra Chytilová, 1966) veranschaulichen die Vielfalt. Sie stehen nicht für ein einheitliches Erfolgsrezept, sondern stammen von unterschiedlichen Regisseuren und gehören in eine Phase der Liberalisierung. Die Repression nach dem Prager Frühling trieb mehrere Filmschaffende ins Exil; Forman und Ivan Passer gingen in die Vereinigten Staaten.Was die Bezeichnung „tschechisches Kino“ aussagt – und was nicht
Die Bezeichnung ist als Einstieg nützlich, aber nicht als automatische Erklärung für die Form eines Films. Ein tschechoslowakischer Film der 1960er-Jahre und eine zeitgenössische Produktion aus der Tschechischen Republik gehören zu unterschiedlichen staatlichen Zusammenhängen, auch wenn sie Teil einer miteinander verbundenen Kulturgeschichte sind. Ebenso müssen die Staatszugehörigkeit oder der Produktionsbeitrag vom Drehort unterschieden werden: Ein Dreh in Prag oder die Nutzung lokaler Einrichtungen reicht für sich genommen nicht aus, um zu bestimmen, wer einen Film produziert hat. Das 2002 gegründete Czech Film Center fördert heute das tschechische Kino und die Filmbranche im Ausland und arbeitet mit Produzenten an der Entwicklung und an Veröffentlichungsstrategien. Diese Arbeit bietet einen institutionellen Bezugspunkt für das zeitgenössische Kino, definiert aber nicht rückwirkend die gesamte Filmgeschichte.Ein kurzer Einstiegspfad
Eine erste Auswahl kann Filme aus unterschiedlichen Epochen und mit verschiedenen künstlerischen Ansätzen miteinander in Beziehung setzen: Die verkaufte Braut (1913) als frühen Meilenstein, Erotikon (1929) als Zugang zum Vorkriegskino sowie Die Liebe einer Blondine, Liebe nach Fahrplan und Tausendschönchen als Einblicke in die Vielfalt der Neuen Welle. Diese Auswahl steht weder für das gesamte tschechische Kino noch macht sie Filme aus der Zeit vor 1993 im staatsrechtlichen Sinn zu tschechischen Produktionen. Sie ermöglicht vielmehr einen Blick darauf, wie eine Filmtradition institutionelle und politische Grenzen überdauert, ohne die Unterschiede zwischen ihren Epochen aus dem Blick zu verlieren.Das Wichtigste auf einen Blick
- Die Geschichte des tschechischen Kinos umfasst Epochen vor der Gründung der Tschechischen Republik und ist eng mit der Geschichte der Tschechoslowakei verbunden.
- Produktionen vor 1993 sollten im staatlichen Rahmen ihrer jeweiligen Zeit eingeordnet werden; kulturelle Kontinuität hebt diesen Unterschied nicht auf.
- Die Neue Welle war Teil der Liberalisierung der Tschechoslowakei in den 1960er-Jahren und vereinte unterschiedliche Filme und Regisseure.
- Dreharbeiten auf tschechischem Gebiet allein belegen nicht, dass ein Film eine tschechische Produktion ist.
Verwendete Quellen und Filmografie
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