Redaktionelle Sammlungen

Wer entscheidet, was als Kino des 21. Jahrhunderts gilt? Die BBC-Liste als Kanon-Artefakt

Die 2016 von BBC Culture veröffentlichte Rangliste verwandelte die Stimmzettel von 177 Kritikerinnen und Kritikern in eine Hierarchie von hundert Filmen. Ihre Methode zeigt, was die Umfrage erfasste – und warum ihre Ergebnisse kein allgemeingültiges Urteil über das zeitgenössische Kino sind.

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Eine Rangliste scheint eine einfache Frage zu beantworten: Was sind die besten Filme? Doch bevor man den Spitzenplatz liest, sollte man fragen, wer die Frage gestellt hat, wer zur Antwort eingeladen wurde, welche Filme nominiert werden konnten und wie aus individuellen Meinungen Rangplätze wurden. Die am 23. August 2016 veröffentlichte Liste der hundert größten Filme des 21. Jahrhunderts von BBC Culture bietet Gelegenheit, diese Entscheidungen zu untersuchen. Sie ist weder ein neutraler Leitfaden noch eine Messung des gesamten Kinos, das im Laufe des Jahrhunderts entstanden ist. Sie ist das zeitgebundene Ergebnis einer redaktionellen Kritikerumfrage mit nachvollziehbaren Regeln und Grenzen, die man im Blick behalten sollte.

Zunächst klären: Was bedeutet „21. Jahrhundert“ in dieser Liste?

Gegenstand dieser Analyse ist die im August 2016 veröffentlichte Umfrage von BBC Culture, nicht eine aktualisierte Ausgabe oder eine Rangliste, die das gesamte Jahrhundert abdeckt. Die BBC stellte sie als Auswahl von Filmen des 21. Jahrhunderts „bis heute“ vor; die Liste enthält Titel, die ab dem Jahr 2000 erschienen sind. Diese Konvention ist wichtig: Im strengen kalendarischen Sinn begann das 21. Jahrhundert 2001, doch die Umfrage berücksichtigte Filme aus dem Jahr 2000, darunter In the Mood for Love und Yi Yi. Die Bezeichnung ist daher treffender als kultureller Blick auf das Kino seit 2000 zu verstehen denn als strenge Definition des Kalenderjahrhunderts. Auch der Endpunkt ist durch das Datum bedingt: Die Ergebnisse wurden 2016 veröffentlicht und können keine Filme abbilden, die noch nicht existierten oder noch nicht berücksichtigt werden konnten. Dass Toni Erdmann aus dem Jahr 2016 dabei ist, unterstreicht, dass der zeitliche Schnitt keinem vollständigen Produktionsjahr entspricht. Die herangezogenen Unterlagen erlauben keine genauere Angabe zum Einsendeschluss als die Umfrage und ihre Veröffentlichung selbst.

Wer stimmte ab, und was wurde gefragt?

BBC Culture teilte mit, Antworten von 177 Filmkritikerinnen und -kritikern erhalten zu haben. Matthew Anderson, der verantwortliche Redakteur bei BBC Culture, erklärte später, das Team habe Hunderte von Personen kontaktiert und Kritikerinnen und Kritiker von Zeitungen und Rundfunkanstalten, Fachpublikationen, aus der Wissenschaft sowie aus der Festivalprogrammierung eingeladen. Die Zahl 177 bezeichnet die Personen, die geantwortet haben. Sie steht weder für eine durch Zufallsauswahl gebildete Stichprobe noch für alle Menschen, die als Kritikerinnen und Kritiker arbeiten. Auf einer ergänzenden BBC-Culture-Seite wurden die Namen der Teilnehmenden und ihre individuellen Stimmzettel veröffentlicht. Diese Transparenz macht nachvollziehbar, wie bestimmte Vorlieben zusammengeführt wurden. Anderson zufolge sollte jede Person eine Rangliste der zehn Filme einreichen, für die sie sich am meisten begeisterte und die ihr am besten gefielen. Zugelassen waren Animation, Dokumentarfilme, Kurzfilme, experimentelles Kino und weitere Formate, nicht nur Spielfilme. Diese Breite beschreibt die Nominierungsregeln; für sich genommen belegt sie nicht, dass alle Arten von Werken gleich stark vertreten waren oder die gleiche Chance hatten, ins Endergebnis zu gelangen.

Von einer Vorliebe zu einem Rangplatz

Anderson beschrieb auch das Punktesystem: Der erste Film auf jedem Stimmzettel erhielt zehn Punkte, der zweite neun und so weiter bis zu einem Punkt für den zehnten. Anschließend wurden die Punkte addiert und die Titel geordnet. Dabei werden nicht einfach nur Nennungen gezählt. Ein Film, der auf mehreren Stimmzetteln weit oben steht, kann mehr Punkte sammeln als ein anderer, der zwar häufiger genannt wird, aber meist auf unteren Plätzen. Die Rangliste verdichtet also Stärke und Breite der Zustimmung in einer einzigen Endzahl; sie bewahrt nicht auf jeder Position die gesamte Gestalt der Meinungsverschiedenheiten, aus denen das Ergebnis hervorging. Das Zahlenformat erleichtert den Überblick und den Vergleich, kann aber eine Präzision nahelegen, die ästhetische Urteile nicht besitzen. Die Abstände zwischen den Plätzen ergeben sich aus den erzielten Punkten, belegen jedoch keine entsprechenden Qualitätsunterschiede. Die Liste dokumentiert das Ergebnis einer Aggregation durch dieses Panel nach diesen Vorgaben, keine objektive Skala für sämtliche Filme.

Die Hierarchie als redaktionelles Artefakt

Die Reihenfolge verwandelt unterschiedliche Stimmzettel in eine visuelle Erzählung: Es gibt einen ersten und einen letzten Platz sowie eine Abfolge, die zur Diskussion über Auf- und Absteiger und über Auslassungen einlädt. Mulholland Drive landete auf Platz eins, In the Mood for Love auf Platz zwei und There Will Be Blood auf Platz drei. Das ist eine Aussage über die Auszählung dieser Umfrage. Daraus folgt weder, dass jede kritische Stimme diese Filme bevorzugte, noch, dass Einigkeit herrschte oder der Spitzenreiter für jedes Publikum der bessere Film ist. „Die BBC“ bezeichnet hier auch keine institutionelle Jury, die alle Filme einzeln bewertet hätte: Die belegte redaktionelle Aufgabe bestand darin, die Frage zu formulieren, die Stimmzettel einzuholen und das Gesamtergebnis zu veröffentlichen. Im Ergebnisartikel wurden mehrere Regisseure genannt, die mit besonders vielen Filmen vertreten waren; außerdem enthält die Liste Spielfilme, Animationen und Dokumentarfilme. Diese Merkmale beschreiben das Endprodukt, erklären aber nicht von selbst, warum ein bestimmter Film aufgenommen wurde, wer den größten Einfluss hatte oder welches konkrete Kriterium hinter einer Auslassung stand.

Was die Zusammensetzung der Liste aussagt – und was nicht

Eine Liste lässt sich als Spur der Vorlieben der Teilnehmenden lesen und zugleich als Ergebnis der Bedingungen, unter denen die Umfrage zustande kam. Fehlt ein Film, ist nur die vorsichtige Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass er nicht genug Punkte für einen der veröffentlichten Plätze erhielt. Daraus folgt nicht, dass ihn keine Kritikerin und kein Kritiker schätzte, dass er absichtlich übergangen wurde oder dass er keine Beachtung verdient. Scheint eine bestimmte Filmart unterrepräsentiert, sollte die Beobachtung genau benennen, was gezählt wurde, und es mit einer Bezugsgröße vergleichen, bevor Ursachen vorgeschlagen werden. Die Veröffentlichung nennt Namen und Einzelstimmen, doch diese Transparenz beantwortet nicht, wer eingeladen wurde, wer antworten konnte, welche beruflichen Netzwerke abgedeckt waren oder welche Filme den Abstimmenden bekannt waren. Eine internationale Liste ist auch nicht automatisch eine repräsentative Stichprobe der Welt. Dafür wären Daten und Auswahlkriterien nötig, die ihre Repräsentativität belegen. Die wissenschaftliche Studie von Miłosz Stelmach zu Quantifizierung und Filmkanon bietet einen hilfreichen Rahmen: Sie versteht den Kanon als soziale Konstruktion, die sich in kritischen, akademischen und institutionellen Praktiken nachvollziehen lässt, nicht als endgültige Sammlung, die ein für alle Mal entdeckt wurde.

Wie man die Liste im Filmclub nutzen kann

Die Umfrage eignet sich besser als Gesprächsgrundlage denn als Prüfung cineastischen Wissens. Vor einer Vorführung kann die Gruppe drei Fragen auseinanderhalten: Welche Regel hat diesen Film auf diesen Platz gebracht? Welche Eigenschaften des Werks verteidigen wir nach dem Sehen? Welche anderen Filme müssten wir einbeziehen, um eine andere Frage zu beantworten? Außerdem kann man einen einzelnen Stimmzettel mit dem Gesamtergebnis vergleichen. So wird sichtbar, wie die Gewichtung die Lesart von Vorlieben verändert, ohne vorzutäuschen, es gebe nur eine richtige Antwort. Es empfiehlt sich, das Datum der Liste festzuhalten, ihr Zeitfenster „seit 2000“ zu berücksichtigen und die Rangplätze als Ergebnis jener Abstimmung zu behandeln, nicht als dauerhafte Eigenschaften der Filme. Bei der Diskussion über Repräsentation sollte man lieber eine überprüfbare Frage formulieren – etwa, welche Dimensionen die Liste selbst erfasst – und sie von einer kausalen Erklärung unterscheiden, die die Umfrage nicht liefert. Der Nutzen besteht nicht darin, den Kanon von BBC Culture pauschal anzunehmen oder abzulehnen, sondern seine offengelegten Regeln zu nutzen, um über Autorität, Auswahl und Geschmack zu sprechen.

Welchen Anspruch auf Autorität die Liste erheben kann

Die Umfrage besitzt eine konkrete, begrenzte Autorität: BBC Culture organisierte eine Befragung von Kritikerinnen und Kritikern, veröffentlichte die grundlegenden Regeln der Punktevergabe sowie das Ergebnis und die zugehörigen Stimmzettel. Damit ist sie eine wertvolle Quelle, um die Vorlieben dieses Panels im Jahr 2016 zu untersuchen. Ihre Autorität reicht jedoch nicht automatisch bis zu der allgemeinen Aussage, welches die besten Filme des Jahrhunderts sind; ebenso wenig wird die Auswahl dadurch zu einer vollständigen Geschichte des Kinos seit 2000. Diese Grenze anzuerkennen, entwertet die Liste nicht. Im Gegenteil: Es ermöglicht eine genauere Lektüre – als redaktionellen Eingriff, der einen partiellen Konsens sichtbar macht, eine diskutierbare Hierarchie aufstellt und einen Ausgangspunkt für ihre Erweiterung bietet, nicht als endgültigen Maßstab für das Kino.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Artikel analysiert die am 23. August 2016 veröffentlichte Umfrage von BBC Culture, keine aktuelle oder vollständige Rangliste des Jahrhunderts.
  • Die Liste berücksichtigt Filme, die ab 2000 erschienen sind, obwohl das kalendarische 21. Jahrhundert 2001 begann.
  • 177 Kritikerinnen und Kritiker nahmen teil; jede Person ordnete zehn Filme, denen BBC Culture je nach Platzierung zehn bis einen Punkt zuwies.
  • Die Rangliste dokumentiert die Antworten und Regeln dieser Umfrage, keinen einstimmigen Konsens und keinen objektiven Qualitätsmaßstab.
  • Aufnahmen und Auslassungen erklären ihre Ursachen nicht von selbst; die Liste ist ein Ausgangspunkt für Diskussion und weitere Recherche.

Verwendete Quellen und Filmografie

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